Leseprobe aus

Verdammt, ich liebe dich!

 

 


In der Zehnten war die Schule eigentlich schon fast vorbei. Man saß noch den Rest der Zeit ab, träumte von irgendetwas, von Mädchen, von der kommenden Ausbildung, vom zukünftigen Job, vom Abi. Oder man hatte schon längst den Punkt überschritten, an dem man noch träumte, hatte alle Illusionen verloren und hoffte nicht mehr auf eine rosige Zukunft. Das wäre dann ich.
Ich saß im Englischkurs und dachte an nichts von all dem. Ich träumte mit offenen Augen, die nichts sahen und mit einem Gehirn, das sich abgeschaltet hatte. Meine Gedanken kreisten um nichts. Das passierte mir manchmal, dann bekam ich von dem, was um mich herum geschah, nicht das Geringste mit. Als mich mein Hintermann Markus aufweckte, indem er mir den Zeigefinger in die Schulter bohrte, war ich zuerst ungehalten, dass er mich aus dem Nichts in die Unterrichtsstunde zurückholte, doch im Nachhinein war ich ihn für seine Tat dankbar. Na ja, teilweise, denn es gab auch Zeiten, in denen ich ihn hasste.
Ich bekam also den Finger in die Schulter und kehrte in die Realität zurück. Diese sah für mich nicht gerade toll aus, da ich in allem nur Durchschnitt war oder sogar leicht darunter lag. Damit meine ich mein Aussehen, meine Klamotten, meinen Notendurchschnitt, meinen Mut, meine Intelligenz. Na gut, Letztere lag eventuell etwas über dem Durchschnitt, aber das war es auch schon.
»Soll ich die Frage für dich noch einmal wiederholen, Jan?«, fragte Professor Schmitt und sah mich durchdringend an. Das konnte er gut, da er stets eine Brille trug, die seine Augen vergrößerte. Das Goldgestell passte super zu den grauen Anzügen, die er immer anhatte und wenn er noch Hut und Gehstock benutzen würde, sähe er aus wie der perfekte Gentleman in einer Sherlock-Holmes-Geschichte. Er kam von einer Hochschule und war ein echter Professor, der fließend zwei Fremdsprachen beherrschte.
»Ich sehe schon, du warst wieder weit, weit entfernt von uns. Vielleicht auf einer Marsmission? Könntest du uns vielleicht trotzdem einige Synonyme für schön nennen?«
In diesem Moment geschah es. Mein Leben änderte sich für immer. Es gab weder eine Explosion, noch brach im Klassenraum Feuer aus und ich rettete auch nicht die halbe Klasse vor dem Verbrennungstod, um als Held gefeiert zu werden. Die Rotverschiebung im Weltall blieb dieselbe und meine Familie veränderte sich ebenfalls nicht plötzlich von Vater: Fleischer, Mutter: Kassiererin, Schwester: Nervensäge, zu Eltern: Millionäre mit Villa und Jacht auf Ibiza. Nein, es ging lediglich die Tür auf und herein kam SIE.
Ein Mädchen, vielleicht eins sechzig groß und damit einen halben Kopf kleiner als ich. Eine braune Wildlederhose, die irre gut aussah, braunes Hemd, das ebenfalls aus weichem Wildleder zu bestehen schien. Gab es solche Hemden zu kaufen? Ihre Tasche in der linken und die Türklinke in der rechten Hand, trat sie zögernd und schüchtern in den Raum und erhellte ihn mit ihrer Schönheit. Diese langen braunen Haare, die ihr glatt bis zur Brust fielen und schimmerten wie eingeöltes Edelholz, verzauberten mich. Dieses Gesicht, das jeden Engel weit in den Schatten stellte und alle Models dieser Erde verschämt im Erdboden versinken lassen könnte, war einfach unbeschreiblich. Ihre ganze Erscheinung wirkte wie genau das: eine Erscheinung.
»Wahnsinn …«, entfuhr es mir automatisch. Ich hörte Markus und einige andere in meiner Nähe lachen.
»Das ist nicht korrekt, Jan. Wahnsinn ist weder ein Synonym von schön, noch eine englische Vokabel. Aber wir unterbrechen hier einen Augenblick unsere Betrachtung und begrüßen Miss …?«
Der Prof schaute das Mädchen an.
»Hm? Oh, äh, ich bin die Neue. Das hier ist doch die 10a? Raum 18, hat Frau Donat im Sekretariat gesagt. Sie hat mich aufgehalten, sonst wäre ich pünktlich hier gewesen.«
»Aha, Sie sind also für gewöhnlich pünktlich. Eine lobenswerte Eigenschaft. Und richtig sind Sie hier auch, in der Klasse 10a. Verraten Sie uns noch Ihren Namen? Ich bin Professor Schmitt. Mit Doppel-T.«
»Ich heiße Tahnee Richter.«
»Wunderbar, Miss Richter. Wir Lehrkräfte dürfen unsere Schüler duzen, ich hoffe, Sie geben uns auch diese Ehre?«
»Na…türlich.«
Was, bitte schön, lieber Gott, war das denn für ein Name? Ich hörte ihn in mir nachklingen wie ein bezauberndes Windspiel und wiederholte in Gedanken: Tahnee. Oh Universum, wurde je ein schönerer Name erschaffen? Er liebkoste meine Synapsen, wie ein wahrhaftiger Kuss meine Lippen nicht besser ergötzen könnte. Wie sie da vorn stand, das war einfach göttlich. Ihre Tasche an die Brust gedrückt, die Beine zusammengepresst, eine leichte Röte im unirdisch schönen Antlitz, schüchtern und verlegen. Meine Augen hatten sich auf Tahnee fokussiert und wie durch einen Tunnel hindurch sah ich nur noch sie. Das übrige Umfeld verschwamm zu einem grauen Nebel und versank in Bedeutungslosigkeit. Mein Gott, was für ein Name! Tahnee … Er tanzte durch mein Hirn wie eine erfrischende Brise, die bei vierzig Grad im Schatten ein Gewitter ankündigt. Genauso heiß fühlte ich mich auch, um gleich darauf meine eiskalten Finger zu spüren. Mir war seltsam zumute und hastig fuhr ich mir über die Stirn, um den Schweiß abzuwischen. Meine nächste Geste galt meinen Haaren, die natürlich auch durchschnittlich mittelblond und mittellang waren. Wie lächerlich, mir durch das Darüberstreichen ein besseres Aussehen verleihen zu wollen. Aber vielleicht glänzte meine Stirn dann nicht mehr so stark.
»Wow, was für eine geile Schnitte!«
»Taylan, mäßige dich! Wenn du etwas zum Unterricht beitragen möchtest, was mich wundern sollte, dann please in english language.«
Der bullige Junge mit den schwarzen gegelten Haaren und der Goldkette, die er in der Schule unter der Kleidung, sonst offen darüber trug, zuckte die Schultern.
Professor Schmitts strenger Blick richtete sich wieder auf die Neue. »Tahnee, das ist indianisch, ja?«
Sie nickte.
»Magst du dich kurz vorstellen, bevor wir mit unserem Thema fortfahren, warum es so viele Synonyme im Englischen gibt?«
Eine super Idee! Ich spitzte die Ohren. SIE sprach, über sich!
»Ja, ich, hm, meine Mutter ist indianisch. Mein Vater nicht und er wurde ganz plötzlich nach Berlin geschickt. Er ist Filialleiter bei Peugeot und musste hier eine Zweigstelle wegen eines Todesfalles übernehmen. Das war’s.«
Ihre Stimme passte gut ihr. Sie klang tief, rauchig, aber nicht brummig. Sie sprach perfekt Deutsch, bestimmt war sie hier geboren. Ihr indianischer Name passte zu ihrem Aussehen wie die grüne Farbe zur Gurke.
»Das war nicht viel, aber wir werden dich sicher noch näher kennenlernen. Neben Jan ist noch ein freier Platz, setz dich bitte dort hin. Und dann fahren wir mit dem Unterricht fort. Wo waren wir stehen geblieben, Lea?«
Äh, hallo? Sie kam zu mir? Was ging denn jetzt ab? War ich im Paradies gelandet? Ich war fast der Einzige, der alleine saß, nur neben Alex gab es noch einen freien Stuhl. Alle anderen Bänke waren doppelt besetzt. Dass ich in der vorletzten Reihe saß und nicht ganz hinten, lag lediglich daran, dass die letzte Reihe sehr beliebt war und man mich deshalb von dort verbannt hatte.
Da kam sie, nein, sie schwebte auf mich zu. Ich musste meine kalten Hände an der Jeans abwischen, da mir die Handflächen feucht wurden. Und dann erwischte mich ihr Blick aus wundervollen, graubraunen Augen wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Wolkenlücke brach, als sie ein leises »Hallo« zu mir sagte.
»H...«, ich musste mich räuspern. »Hallo.«
Sie setzte sich neben mich, während um uns herum gewispert wurde und Schmitt weiter dozierte. Ich sah starr geradeaus und wagte es nicht, mich zu rühren, trotzdem bekam ich mit, wie sie mich mehrmals ansah. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und drehte den Kopf zu ihr.
Ein Fehler. Verdammt, ihr Haar! Es schien ein Eigenleben zu führen, da es sich wundervoll bewegte. Jedes einzelne davon konnte ich erkennen und in ihrer Gesamtheit bildeten sie eine Einheit, wie sie ein im Gleichschritt marschierendes Bataillon Soldaten niemals auch nur annähernd erreichen konnte. Ihr Gesicht von der Seite mit den etwas zu vollen Lippen und der geraden Nase erregte mich total. Nie zuvor in meinem Leben habe ich ein schöneres Profil gesehen. Sie sah wundervoll aus, denn ein Wort, das sie besser beschrieben hätte, gab es nicht. Es sollten alle Maler dieser Welt sich versammeln und nur noch Tahnee malen. In meinem Schritt wurde es eng, zu eng. Vorsichtig bewegte ich die Oberschenkel, um eine angenehmere Sitzposition zu bekommen, in der es nicht so spannte. Jetzt drehte sie ebenfalls den Kopf und sah mich von der Seite an. Ihr Blick …
»Wie heißt du?«, flüsterte sie.
Oh Gott, sie redete mit mir! Etwas, das meine Mitschüler nur taten, um mich zu verarschen, zu verspotten oder um sich über mich lustig zu machen. Aber es hielt sich in Grenzen, der Oberdepp war nicht ich, das war Glupschaugen-Peter mit seiner dicken Nerd-Brille. Von daher erging es mir noch relativ gut in dieser Klasse und an dieser Schule.
Mir fiel ein, sie hatte mich etwas gefragt! »Äh, ich bin Jan.«
Sie schenkte mir ein flüchtiges Lächeln, das mir mehr zusagte als ein Sechser im Lotto, dann drehte sie sich wieder nach vorn.
Welcher Unterricht für den Rest des Schultages lief, bekam ich nicht mit, ich war wie in Trance. Noch nie zuvor habe ich gefiebert, dass die Pausen vorbei gingen, nicht aber die Unterrichtsstunden, aber diesmal war es so. Denn in den Pausen saß SIE nicht neben mir. In dieser Zeit sah ich sie nicht oder nur von fern. Die Jungs versuchten, Tahnee anzubaggern, und sie versuchte, mit den Mädchen in der Klasse ins Gespräch zu kommen. Beides klappte nicht so recht. Die Kerle konnten mit ihren doofen Sprüchen nicht bei ihr landen, was mich außerordentlich befriedigte, und die Mädchen beachteten die Neue nicht und ließen sie links liegen. Wir hatten die Tussi-Fraktion, die Streberinnen und die Sportfanatikerinnen und keine der Gruppierungen wollte etwas mit der Neuen zu tun haben.
Ich hingegen versuchte erst gar nicht, mich ihr zu nähern, ich wartete nur fieberhaft auf die nächste Stunde, damit sie wieder neben mir saß. Einmal beugte sie sich zu mir herüber, um einen Blick in mein Heft zu werfen, dabei erreichte mich ein Hauch ihres Parfüms. Zimt, Limette und noch ein fruchtig-frischer Nachklang, vielleicht Pfirsich. Das war aufregender, als den Nobelpreis zu bekommen und beschäftigte mich bis zur letzten Stunde.
Nach dem Klingeln ging sie als eine der Ersten aus dem Raum und ich vermisste sie schon, kaum, dass sie aus meinem Blickfeld verschwunden war. Etwas traurig, aber auch beschwingt, lief ich nach Hause. Ich hörte nicht, ob die anderen wieder Spottrufe hinter mir herriefen und sich lustig machten. Mich hielt der Gedanke aufrecht, dass ich Tahnee morgen wiedersehen durfte.
Meine Tasche landete in der Ecke, ich griff die andere mit den Sportsachen und fuhr mit der S-Bahn nach Springpfuhl ins Fitnessstudio. Seit ich sechzehn geworden war, also vor drei Monaten, wollte ich mehr Sport machen, meinen Körper stählen, besser aussehen und kräftiger werden. Seit zwei oder drei Wochen ging ich nun tatsächlich ins McFIT. Die Eintrittspreise waren erschwinglich und die Trainierenden vom Alter her, vom Geschlecht und von der Menge der Muskelmasse gemischt. Von Muskelfetischist bis Couch-Potato gab es alles, so fiel ich nicht weiter auf. Ich powerte mich an den Geräten aus, stemmte Gewichte für Bizeps, Trizeps und andere Zeps, fuhr auf dem Fahrraddingens und fühlte mich super. Es machte Spaß, seinen Körper zu fordern – und noch mehr in der Gemeinschaft, wenn alle um einen herum das Gleiche taten. Jedenfalls so lange, bis ich fertig war und mir den Schweiß abwusch. Dann fiel mein Blick im Spiegel auf den Typen, der mich daraus anglotzte. Dürrer, blasser Oberkörper und ein Face zum Reinschlagen. Auf der Stelle war meine gute Laune dahin. So einen sollte Tahnee mögen? Nee, nie im Leben!

 

 

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