Betacity

 

Wer science fiction, Dystopien und einen Hauch von Liebe mag, ist hier richtig. Es ist zwar ein Jugendbuch wie Cassia & Ky von Ally Condie, kann aber ebenso wie dieses auch gerne von Erwachsenen verschlungen werden. Natürlich gibt es EBook und Taschenbuch bei Amazon.

 

Klappentext:

In Betacity, der Stadt der letzten Menschen, lebt die siebzehnjährige Sia mit ihrer Familie.
Die Kuppelstadt, die Schutz vor einer verstrahlten Umwelt bietet, wird von einem allmächtigen Computer regiert. Als eines Tages ihr Schlafinduktor ausfällt, träumt Sia von einer paradiesischen Landschaft – und von einem Jungen, der anders ist. Um ihn, wenn auch nur im Traum, wiederzusehen, verstößt sie gegen gesellschaftliche Normen und sie entwickeln Gefühle für einander.
Doch existiert Toms heile Welt wirklich oder lebt er in einer Parallelwelt? Hat ihre Liebe eine Chance oder ist sie nur ein Traumgespinst?

Ein dystopischer Jugendroman.
Auch als Taschenbuch mit 155 Seiten erhältlich.

          

 

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Leseprobe:

1

Abrupt kam Sia zu sich und fühlte ihr Herz heftig klopfen. Ihr war warm. Mit einem Ruck zog sie die Decke zur Seite und drehte sich auf den Rücken. Sie hatte den Eindruck, kaum geschlafen zu haben und ein müder Blick auf die leuchtende Zeitanzeige an der Zimmerdecke zeigte ihr sechs Uhr vierzig an. Die Nacht, eine sehr kurze Nacht, war tatsächlich vorbei und in spätestens zwanzig Minuten musste sie aufstehen.
Sia setzte sich im Bett auf und fühlte Schweiß auf ihrem Körper. Mit der Hand strich sie über ihren Arm, die Haut fühlte sich warm an wie in ihrem Traum, als die Sonne sie mit ihren Strahlen gewärmt hatte. Ein angenehmes Gefühl. Die Sonne! Wieder hatte sie der gleißende Lichtpunkt hoch oben tief beeindruckt. Sie wusste natürlich, dass die Sonne auch über Betacity schien und für das Tageslicht sorgte, doch in Wirklichkeit gesehen hatte sie sie noch nie. Niemand konnte sie sehen. Sia fragte sich, ob sie wirklich so grell und blendend strahlte und wärmte, wie sie es in ihren Träumen erlebte. Hatte sie im Unterricht eine alte Aufzeichnung oder ein computergeneriertes Video gesehen, an das sie sich bewusst nicht mehr erinnerte, das ihr Hirn aber nun benutzte, um diese Traumbilder zu erschaffen? Oder sahen die Sonne und der Himmel ohne Kuppel in Wirklichkeit ganz anders aus? Sia wusste es nicht.
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und sie ließ sich zurück aufs Kopfkissen sinken. Sie hatte Tom gesehen! Sie war wieder bei ihm gewesen, hatte mit ihm gesprochen, seine Stimme gehört und ihn berührt. Nein! Er hatte sie am Arm berührt, ihre Haut zum Prickeln gebracht. Der Junge faszinierte sie und sie fand ihn anziehend, sympathisch. Er sah so anders aus als alle Jungen, die sie in Betacity sah. Ja, er sah so gut aus. Wenn er mit ihr sprach, umschmeichelte seine Stimme sie wie ein seltenes, weiches Seidentuch und gab ihr ein angenehmes Gefühl. Sein Blick beeinflusste ihren Herzschlag, die Augen faszinierten sie, seine Nähe brachte ihr Blut in Wallung und eine Berührung von ihm ließ sie schneller atmen ...
Dabei hatte sie bisher keinerlei Interesse an Jungs gehabt, was in Betacity auch völlig normal war. Jungen und Mädchen trafen sich in der Schule oder begegneten sich auf der Straße, doch Freundschaften mit dem anderen Geschlecht gab es nicht. Mit neunzehn Jahren wurde dann ein Partner auserwählt, mit dem man den Rest des Lebens zusammen verbrachte. Tom hingegen weckte sehr wohl ihr Interesse und er reizte sie, in jeder Hinsicht. Sein Haar, das sie auf alle Fälle beim nächsten Mal berühren wollte, seine braunen Augen, die so forschend und warm blicken konnten, seine muskulösen Arme, von denen sie sich wünschte, er würde sie um sie legen ...
Was war nur los mit ihr? Warum fühlte sie sich so sehr zu ihm hingezogen? Warum träumte sie von ihm, im wahrsten Sinne des Wortes? Sie würde nie dauerhaft mit ihm zusammensein oder gar mit ihm ihr Leben verbringen können.
Trotzdem lächelte sie wieder und dachte an ihn. Sie sah sein Gesicht vor sich, glaubte beinahe, seine Stimme zu hören. Eine angenehme, männliche Stimme, der sie stundenlang zuhören wollte. Etwas anderes stieg zur Oberfläche ihrer Gedankenwelt auf und brachte das Lächeln zum Schwinden. Sie dachte an das Tier! Dieses riesige Tier, das sie so sehr erschreckt und aus dem Traum gerissen hatte. Wie hatte Tom das Wesen genannt? Pferd? Jetzt hörte sie ihn wieder sagen: „Das sind Pferde, Sia, sie sind sanftmütig und tun uns nichts. Vor ihnen brauchst du keine Angst zu haben. Wir züchten sie, geben ihnen Fressen und Pflege. Oft reiten wir auf ihnen und benutzen sie als Transportmittel. Sie bringen uns zu Orten, die zu weit entfernt sind, um sie zu Fuß erreichen zu können.“
Für ihn mochte diese Situation normal gewesen sein, er lebte mit diesen ... diesen Pferden zusammen, doch in ihrer Welt existierten keine Tiere mehr, keine großen und keine kleinen. Und als eine dieser braunen, vierbeinigen Kreaturen, die größer waren als sie selbst und die so lang gestreckte, behaarte Hälse besaßen, immer näher kam und lauthals schrie, dass es ihr in den Ohren dröhnte, packte sie die Angst mit großer Hand und ließ ihr Herz rasen. Sie sah ein großes Maul mit gelben Zähnen und glaubte, das Pferd wollte sie beißen. Panik griff nach ihr und sie rannte weg. Oder vielmehr, sie wollte erschreckt wegrennen – und erwachte in ihrem Bett.
Hier lag sie nun, noch immer mit schweißfeuchter Haut. Ihr Atem hatte sich bereits wieder normalisiert. ‚Was für ein Traum‘, dachte Sia. ‚Erstaunlich, was für Bilder mein Hirn ersinnt und mir im Schlaf zeigt.‘
Ein Pferd. Sie musste sich den Begriff merken und wollte später herausfinden, ob sie im Netz Bilder dieser Tierart fand. Tom hatte bereits im vorherigen Traum von Pferden gesprochen und Gras für sie als Futter geschnitten. Nach seinen Worten gehörten Pferde zu ihm und seiner Familie, sie besaßen einige davon und sie ritten sogar auf ihnen. Wenn er von Pferden sprach, kam Zuneigung in seine Stimme, er schien diese Tiere zu mögen. Doch als sie dann eines dieser Pferde sah, war sie doch erschrocken gewesen. Groß und imposant wirkte es, beinahe wie mit einem eigenen Willen und ja, die Augen blickten sanft, wie Tom gesagt hatte, aber nur so lange, bis das Tier sein Maul aufriss und sie anschrie. In diesem Moment verdrehten sich diese braunen Augen und es zeigten sich weiße Ränder, die ihnen ein wildes, böses Aussehen verliehen. Sie war sehr erschrocken gewesen und glaubte sich in Gefahr, obwohl sie sich jetzt, im Nachhinein, nicht mehr sicher war, ob das Pferd sie wirklich hatte beißen wollen.
Gähnend streckte Sia die Glieder und erhob sich. Der Computer registrierte es und ließ das Fenster durchsichtig werden. Im Zimmer wurde es hell. Sie erledigte die Morgentoilette, ging unter die Ionen-Wasserdampfdusche, die sie erst auf heiß und dann auf ganz kalt stellte, und ließ sich viel Zeit dabei. Heute konnte sie trödeln. Anschließend holte sie einen frischen Overall aus dem Wandfach und zog sich an. Dabei glitten ihre Gedanken immer wieder hin zu Tom. Ein eigenartiger Junge war das, doch er interessierte sie ungemein. Er und die fremde Welt, die so ganz anders war als die ihre. Seine Welt! Oder eher die Welt, die ihr Verstand in ihrem Traum erschaffen hatte ...
Sia betrat den Wohnbereich, wo Ihre Eltern bereits am Tisch saßen. Durch das Fenster, welches das Häusermeer der Stadt zeigte, fiel das Licht der Sonne, die durch die milchige Kuppel nur als verschwommener heller Fleck zu sehen war. Sia warf einen Blick hinaus. Die Sonne! Sie trat zu ihrem Stuhl und setzte sich. „Guten Morgen.“
„Guten Morgen, Si“, ein Lächeln glitt über die Züge ihrer Mutter. „Hast du schlecht geschlafen?“, fragte sie nach einem Blick in Sias Gesicht. Ihre Frage war rhetorisch, niemand schlief mehr schlecht, doch am Gesicht ihrer Tochter musste sie abgelesen haben, dass etwas nicht stimmte.
„Guten Morgen Sia9“, ihr Vater trank den Rest seines Frühstücks. Im Gegensatz zu ihrer Mom nannte er sie immer mit vollem Namen, so, wie er alle Leute mit ihrer kompletten Bezeichnung anredete. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Nein, was sollte schon sein“, säuselte Sia betont fröhlich und schalt sich in Gedanken. Sie musste ihre Mimik besser unter Kontrolle bekommen. Es war für sie nicht alles in Ordnung, sie hatte wieder einen beunruhigenden Traum gehabt, aber das durfte sie nicht mehr erwähnen. In die Med-Einrichtung wollte sie auf gar keinen Fall kommen und das würde sie müssen, wenn sie noch einmal erzählte, geträumt zu haben. Dann käme heraus, dass sie ihren Schlafinduktor nicht eingeschaltet hatte, sonst hätte sie ja nicht träumen können. Und dann würde sie eine psychologische Untersuchung über sich ergehen lassen müssen, denn jeder Mensch schaltete seinen Schlafinduktor in der Nacht ein! Es war nicht gesetzlich vorgeschrieben, doch jeder hielt sich an das ungeschriebene Gesetz. Man schaltete seinen Schlafbringer ein, so, wie man sich ankleidete und nicht nackt auf die Straße trat. Das war nicht direkt verboten, doch wer es tat, verhielt sich nicht normal und musste psychologisch untersucht werden und darauf konnte Sia wirklich verzichten.
Zum Glück folgte ihr Kar9, ihr nerviger Bruder, der meistens seine Schlafphase bis zum Äußersten ausreizte, auf dem Fuße. Heute hatte er sich bereits aus dem Bett geschält, grummelte einen Morgengruß und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Damit war die Familie komplett und mehr Leute hätten am Tisch auch nicht Platz gefunden. Wohnraum war knapp in der Stadt.
Die Luft vor Kars Gesicht flimmerte, was bedeutete, dass er sich etwas über seinen Indicomp ansah. Prompt erntete er einen missbilligenden Blick von Mom, während ihn Dad rügte: „Du sollst doch nicht beim Frühstück fernsehen! Wie oft habe ich dir das schon gesagt, Kar9? Wir wollen die kurze Zeit am Morgen gemeinsam in der Familie verbringen, ehe es zur Schule oder zur Arbeit geht. Und für das Abendessen gilt das genauso.“
„Ist doch eh immer dasselbe“, murmelte Kar und nahm seinen Becher in die Hand. Der Apartmentcomp hatte seine und Sias Anwesenheit im Wohnbereich natürlich bereits registriert und auf der Platte in der Tischmitte ihr Frühstück hochgefahren.
Sia gab ihm im stillen Recht und trank leicht widerwillig den halben Liter dickflüssige, graue Masse, die ihr Frühstück darstellte. Heute fand sie den Trank besonders unangenehm. Vielleicht, weil sie noch den Traum im Kopf hatte und den Gedanken an frische Luft, angenehme Gerüche und die wärmenden Strahlen der Sonne. Sie hatte, wie Tom es ihr vormachte, einen Grashalm zwischen die Lippen genommen und auf ihm gekaut. Es hatte sie Überwindung gekostet, eine Pflanze, etwas aus der Natur, in den Mund zu nehmen. Doch dann hatte sie der Geschmack, der intensiv ihren Mund ausfüllte, erstaunt und bezaubert.
Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie es bis vor etwa fünf Jahren richtiges Essen gegeben hatte, das in Farbe, Form und Konsistenz variierte und verschieden schmeckte. Jetzt gab es nur noch den Nahrungsbrei, optimal und individuell auf jede Person abgestimmt und mit genau der richtigen Menge an Wasser, Kalorien, Vitaminen und Mineralstoffen, die die jeweilige Person zum Leben benötigte. Geschmacksneutral, geruchsneutral und die Ausscheidungen vermindernd, wie es im Unterricht erklärt worden war. Auch die Erwachsenen hatten damals entsprechende Mitteilungen erhalten und sich der Entscheidung des Stadtcomp gebeugt. Es sei effektiver, einfacher, energieeffizienter, also war es gut so. Seitdem waren die Wörter Frühstück, Mittagessen und Abendbrot nur noch Worthülsen, die zwar noch gebraucht wurden, die ihre wortwörtliche Bedeutung allerdings verloren hatten.
„Es war nur ein kurzes Video, das mir ein Freund geschickt hat“, sagte Kar etwas verspätet, trank den Rest seines Morgenmahls aus und schüttelte sich leicht.
Ihr Vater wiegte verärgert den Kopf und gab ein „Hm“ von sich. Jetzt, nachdem alle gesättigt waren und das Frühstück als beendet galt, schaute er sich über seinen Indicomp die Nachrichten an. Er sah sich jeden Morgen, bevor er zur Arbeit fuhr, die News an, als ob es wirklich noch Neuigkeiten gäbe, die aufregend waren oder tatsächlich etwas Neues beinhalteten.
„Was habt ihr denn heute in der Schule?“ Mom versuchte wie immer, ein Gespräch in Gang zu setzen.
„Sozialkunde und Sport“, murmelte Kar.
„Wir haben Sozialkunde und Mathematik.“ Sia bedauerte, keinen Geschichtsunterricht zu haben. Sie wusste von ihrer Mom, dass diese zu ihrer Zeit noch einige Fächer mehr in der Schule gehabt hatte. Heutzutage wurde Geschichte nur noch kurz in den anderen Fächern angerissen und das häufigste Fach war Sozialkunde. Sie lernten, wie das Leben in Betacitty funktionierte. Was die Stadt für den Einzelnen und für die Gemeinschaft bedeutete, was die Menschen für die Stadt taten und wo Nahrung und Energie herkamen. Über die Vergangenheit, als es die Neue Zeit noch nicht gegeben hatte, erfuhren sie nur sehr wenig. Darüber, ob es noch andere Städte wie ihre gab oder warum eine Kuppel sie überspannte, lehrte man sie gar nichts. Es hieß nur immer, die Welt sei lebensfeindlich geworden und nichts und niemand existiere außerhalb der Kuppelhülle. Sie und die anderen in der Stadt waren die einzigen Menschen, die noch auf der Erde existierten und konnten sich glücklich schätzen, in der Stadt leben zu dürfen. Überall sonst gab es nur noch Tod und Lebensfeindlichkeit. Im Innern sorgte der Stadtcomp für das Wohlergehen der Menschen und regelte das gemeinschaftliche Leben.
Klar war das auch interessant, aber Sia hätte lieber mehr darüber erfahren, wie das Leben früher gewesen war, als es die Kuppelstadt noch nicht gab und die Erde noch bewohnbar war. Was hatten die Menschen damals getan, wie lebten sie in den Städten und Dörfern, wie kamen sie mit den Lebewesen um sie herum klar und vor allem, wie konnte es dazu kommen, dass alles zerstört und vernichtet wurde? Das wünschte sich Sia zu lernen und sie wünschte sich mehr Biologieunterricht, wollte alles über die Tiere und Pflanzen erfahren, die es auf der Erde gegeben hatte. Sah es damals auf der Welt so aus, wie in ihren Träumen, wenn sie Tom begegnete? Warum erfuhren sie so wenig über die Vergangenheit?
„Und du? Pflegst du besondere Zellkulturen? Oder habt ihr aufregende Fälle?“, fragte sie ihre Mom, die in einer der drei Med-Einrichtungen der Stadt arbeitete.
„Nein, es ist wie immer. Ich mache das Übliche, pflege Zellwucherungen, die unkontrolliert wachsen. Die Kollegen haben eine Menge Routineuntersuchungen zu erledigen, aber keine ernsten Sachen. Warum sollte auch jemand krank werden?“ Die Frau, der man ihr Alter von 37 Jahren nicht ansah, lächelte einen Moment. „Einen kleineren Fall hatten wir gestern. Eine Sechser ist beim Einsteigen in ein E-Mobil gestürzt und hat sich die Handflächen aufgeschürft und die Knie geprellt. Nichts Schlimmes, sie bekam einen Sprühverband und etwas gegen die Schmerzen. Schließlich soll es allen gut gehen. Dann durfte sie wieder nach Hause. Aber sie war ganz schön durcheinander und die Prellung tat ihr ziemlich weh. In ihrem Alter steckt man so etwas eben nicht mehr so leicht weg.“
„Die arme Frau“, Sia tat sie leid, sie hätte als Angehörige der sechsten Generation ihre Urgroßmutter sein können und stand kurz vor ihrem achtzigsten und letzten Lebensjahr. Sie sollte jeden Tag mit Freude und Glück verbringen und ihre letzten Monate auf angenehme Weise verbringen und genießen. Sia rechnete nach. Gute zwei Jahre blieben der Frau noch, bis ihr Leben das Ende erreichte. Achtzig Jahre hatte der Stadtcomp festgelegt. Wer dieses Alter erreichte, wurde über den Schlafinduktor in den ewigen Schlaf hinüber geleitet.
Ihre Großeltern drängten sich in ihre Gedanken, doch Sia wollte jetzt nicht an die alten Leute denken. Sie hatte so gut wie keinen Kontakt mit ihnen und mochte keine Alten. Selber alt zu werden, erschreckte sie zutiefst, obwohl sie mit knapp achtzehn noch wirklich sehr viel Zeit vor sich hatte, ehe sie begann, alt zu werden. Sie konnte sich nicht vorstellen, so alt zu sein, es lag für sie in unvorstellbar weiter Ferne. Schnell rief sie sich über ihren Indicomp ein E-Mobil und verabschiedete sich.
Im Lift waren die Gedanken an alte Menschen verschwunden und Sia sah ein Gesicht mit braunen Locken und dunklen Augen vor sich. Als sie unten aus der Haustür trat, fuhr das einsitzige Gefährt gerade vor. Sia nahm Platz und gab dem Bordcomp das Ziel an. Das E-Mobil fuhr selbstständig, vom Stadtcpmp gesteuert, den Weg zur Schule. Sia lehnte sich entspannt zurück. Ihr kam die Erinnerung an ihren ersten Traum wieder in den Sinn.

2

Das erste Mal hatte sie vor einem Monat geträumt. Ihr Schlafinduktor war an diesem Tag ausgefallen und strahlte nicht die schlafbringenden Alphawellen aus wie sonst immer. Sie ahnte natürlich nichts von dem Defekt und schaltete das Gerät ein, bevor sie sich schlafen legte. Sie dachte an nichts Besonderes und dämmerte langsam ein. Auf einmal befand sie sich auf einer grünen Wiese inmitten einer seltsamen Landschaft. Wenn sie sich recht erinnerte, sah so die Welt in der Vergangenheit aus, als die Neue Zeit noch nicht angebrochen war. Im Biologieunterricht waren ihnen wenige Bilder aus dieser Zeit gezeigt worden.
Staunend schaute Sia sich um. Sie konnte die Sonne sehen die wärmend auf sie herab strahlte und an einem Himmel stand, der ihr unnormal blau vorkam. Ihr Licht blendete und schmerzte in den Augen. Sia schaffte es nicht, den grellen Lichtpunkt über ihr anzusehen. Aber sie konnte die Wärme auf ihrer Haut spüren. Verblüfft fuhr sie sich über den nackten Arm. Sie trug nur ein kurzärmeliges Shirt und eine kurze, bequeme und weite Hose, die ihr bis knapp zu den Knien reichte, ihre Schlafsachen. Die Luft bewegte sich und berührte sie, wie sie es nur kannte, wenn sie rannte. Hieß das nicht Wind? Er strich über ihr Gesicht und bewegte das Gras, das an ihren bloßen Füßen kitzelte. Sie stand auf natürlichem Boden, durchfuhr es Sia, auf Erdboden. Früher hatte die Erde vor Bakterien und Viren nur so gewimmelt, sie würde sich eine Krankheit holen! Doch der Gedanke daran verschwand, ohne sie weiter ängstigen zu können. Das hier konnte nicht real sein. Nirgendwo gab es noch echte Erde. Dafür fehlte das Milchige der Kuppel, sie konnte die Kuppel nicht sehen. Das war nun völlig unmöglich, ohne schützende Kuppelhülle würde sofort die giftige und verstrahlte Atmosphäre in die Stadt dringen und alles töten. Sie verstand während des Traumes nicht, wie es möglich sein konnte, ungeschützt an diesem Ort zu stehen. Ihr war ja nicht bewusst, zu träumen.
Sie wollte im Netz nachschauen, ob sie etwas über den Ort hier fand oder ob es eine Meldung über ungewöhnliche Ereignisse in Betacitty gab. Doch Sia bekam keinen Kontakt und merkte mit einem Griff ans Ohr, dass sie ihren Indicomp, ihren individuellen Computer, den jeder Mensch in Betacity besaß, nicht trug. Sie zuckte zusammen. Das kleine Gerät nach dem Schlafen nicht ins Ohr zu stecken, gar ohne den Indicomp, der seinen Träger mit dem Stadtcomp, dem Netz und anderen Menschen verband, das Haus zu verlassen, war streng verboten. Jetzt war sie hilflos, auf sich allein gestellt, nicht zu erreichen und nicht zu orten. Gar nicht gut für sie in dieser Situation.
Suchend schaute sie sich um. In einiger Entfernung stand ein seltsam anmutendes Gebäude. Es sah aus wie die Häuser, in denen die Menschen früher auf dem Land lebten und schien aus Holz gebaut worden zu sein. Sia kannte Holz, allerdings nur von Bildern und hatte es noch nie in ihrem Leben irgendwo in der Stadt gesehen oder gar berührt. Sie hatte Häuser dieser Art auf den wenigen Aufnahmen gesehen, die die Welt vor der Neuen Zeit zeigten. Mächtige Gebilde ragten seitlich neben dem Haus auf, auch in der weiten Umgebung gab es sie.
‚Das sind Bäume, sie leben und wachsen, sind Vegetation wie das Gras. Das haben wir alles in Biologie gehabt. Früher gab es auf der Erde jede Menge Pflanzen und Bäume, aber das ist doch alles zerstört worden und existiert nicht mehr‘, dachte sie verwundert.
Eine Gestalt kam hinter dem Haus hervor, lief durch den Schatten, den die Bäume warfen und kam ihr entgegen. Es handelte sich um einen Jungen. Er mochte in ihrem Alter sein, also auch ein Neuner und wirkte größer als sie. Der Junge trug eine blaue Hose und ein T-Shirt mit mehreren Farben darauf. Bunt nannte man das, dachte Sia automatisch. Erstaunt betrachtete sie sein langes, braunes, lockiges Haar. Es reichte ihm beinahe bis auf die Schultern herab. Seine Arme, sein ganzer Körper war muskulös und seine Haut besaß eine braune Farbe. Auch auf die Entfernung hin konnte sie sehen, wie dunkel seine Augen waren. Sein Gesicht erschien kantig, die Nase zu groß und die Augenbrauen zu dick, doch was sie sah, gefiel Sia.
Ebenso erstaunt schaute der Junge zurück und blieb einige Meter vor ihr stehen. „Hallo! Kennen wir uns? Willst du zu uns? Wie siehst du denn aus?“ Er schaute rechts und links an Sia vorbei, die ihn noch immer anstarrte. „Wie kommst du hierher?“
„Wie sehe ich denn aus?“, fragte Sia zurück. „Ich glaube nicht, dass wir uns kennen. Wo bin ich hier überhaupt?“
Der Junge lachte. „Das weißt du nicht? Wie heißt du?“
„Sia9 und du?“
„Sia9? Warum 9? Ich bin Tom.“
„Tom?“, fragte Sia verwirrt. „Tom9? Du bist doch mein Jahrgang, also ein Neuner?“
„Hä?“, machte Tom und schüttelte den Kopf.
„Wie ich hier herkomme, weiß ich nicht, ich war einfach da. Ich ... ich kann mich nicht erinnern. Ich denke, ich bin mit einem E-Mobil gekommen, oder? Wieso gibt es hier Pflanzen? Und wo ist die Kuppel hin?“ Sia blickte den Jungen verwirrt und fragend an.
„Langsam, langsam, ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst. E-Mobil? Was soll das sein? Warum es hier Pflanzen gibt? Wieso denn nicht? Sie wachsen hier, die meisten von ganz alleine. Von welcher Kuppel redest du?“
„Na von der schützenden Kuppelhülle, die uns in Betacity vor der Strahlung und vor der Verseuchung abschirmt.“
„Betacity?“
„Das ist die Stadt, in der ich lebe.“
„Ah, und wo ist diese Stadt?“
„Dort, wo ich lebe ...“, sagte Sia langsam. „Aber offenbar nicht hier.“ Sie blickte hoch zur Sonne, schaute das grüne Gras an, die blaue Hose und das bunte Shirt des Jungen, der sich Tom nannte. Sie fühlte sich verwirrt und ihr war heiß. Ein Schwindel befiel sie und alles begann sich zu drehen. Sie musste die Augen schließen und versuchte, tief und gleichmäßig zu atmen.
„Was ist los? Was ist mit dir?“, erreichte sie die angenehme, melodische Stimme des Jungen.
„Es ist so grell hier, so heiß und so ... bunt!“ Sie öffnete die Augen wieder und sah etwas in der Luft auf sich zukommen. Ein winziges schwarzes Ding flog durch die Luft auf sie zu. Ein Insekt? Insekten gab es früher, hatte sie gelernt. Sie übertrugen schlimme Krankheiten, die oft den Tod brachten! Sia wollte nicht mit diesem Ding, diesem Insekt, in Berührung kommen und krank werden oder sterben müssen! Abwehrend streckte Sie die Hände vor. „Nein!“ Sie wollte sich umdrehen, wegrennen, verhedderte sich mit ihren nackten Füßen im ungewohnten Gras und strauchelte. Der Schreck durchfuhr ihre Glieder, krampfte ihr das Herz zusammen - und ließ alles Schwarz werden.

Schweißgebadet und wie nach einem schnellen Lauf mit klopfendem Herzen war Sia erwacht und hatte sich aufrecht in ihrem Bett aufgesetzt. Was war passiert? Wo war sie gewesen? Wer war dieser ungewöhnliche Junge? Sie begriff in diesem Augenblick, dass sie geträumt haben musste. Nichts war real gewesen, alles hatte sich nur in ihrem Kopf abgespielt. Der Traum war kurz gewesen und sie hatte ihrem Gefühl nach nur wenig Zeit mit dem Jungen in der Traumwelt verbracht. Doch als sie hoch an die Decke zu den projizierten Leuchtziffern schaute, erkannte sie, dass die Nacht trotzdem beinahe vorbei war. Noch eine halbe Stunde bis zur Weckzeit. Sia legte sich noch einmal hin und rief sich das im Traum Erlebte ins Gedächtnis zurück. Es war alles so ungewöhnlich gewesen, so fremd, aber auch aufregend, und es ließ viele Fragen in ihr zurück. Fragen, die sie verwirrten und die Sia nicht beantworten konnte.
Dann machte sie sich fertig und ging in den Wohnraum. Aufgeregt wartete sie, bis Mom und Dad zum Frühstück erschienen und erzählte ihren Eltern das Erlebnis.
„Du hast geträumt“, sagte ihr Vater halb fragend, halb erstaunt. „Wie ist das möglich? Niemand träumt noch. Zeig mir deinen Schlafinduktor.“
„Wieso geträumt? Wie kann man denn im Schlaf träumen? Das verstehe ich nicht.“ Natürlich hatte sie in der Schule etwas über Träume gehört, doch kein Mensch träumte mehr. Sie führte ihren Dad in ihr Zimmer, das er nicht oft betrat und zeigte ihm das Gerät. „Ich habe ihn wie immer gestern Abend eingeschaltet, siehst du?“
Ihr Vater schaute sich den Schlafinduktor an, der einem Kasten glich und so groß wie zwei Handflächen war. Er war laut Schalterstellung noch immer in Betrieb und hatte sich nicht zur Weckzeit automatisch ausgeschaltet. Die winzige Kontrolldiode leuchtete jedoch nicht.
„Er muss defekt sein, sehr ungewöhnlich. Ich habe noch nie gehört, dass ein Schlafinduktor kaputtgegangen ist. Wir müssen dir einen neuen besorgen, das mache ich nach der Arbeit. Geht es dir gut, Sia9? Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Ja, Dad, alles ist super.“
„Du hast geträumt? Im Schlaf? Das ist ja irre! Was hast du denn geträumt?“ Kar war ihnen nachgeschlichen und überfiel Sia jetzt mit seinen Fragen.
„Raus aus meinem Zimmer!“, fuhr sie ihn an.

 

 

 

 

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